Warum die Unterscheidung wichtig ist
Wenn man von "Ratten" spricht, denken die meisten an eine einheitliche Tiergruppe. Tatsächlich kommen in Deutschland vor allem zwei Rattenarten vor, die sich in Aussehen, Lebensweise und Verhalten deutlich unterscheiden: die Wanderratte (Rattus norvegicus) und die Hausratte (Rattus rattus). Diese Unterschiede sind nicht nur biologisch interessant — sie haben direkte Auswirkungen auf die Bekämpfungsstrategie.
Ein Kammerjäger, der nicht weiß, mit welcher Art er es zu tun hat, riskiert, Köder an den falschen Stellen zu platzieren, die falsche Art von Fallen einzusetzen oder Eintrittspunkte zu übersehen. Für Hauseigentümer und Mieter ist es daher hilfreich, zumindest die grundlegenden Unterschiede zu kennen, um dem Fachmann bei der Einschätzung helfen zu können.
Die Wanderratte — Häufigste Art in Deutschland
Die Wanderratte ist mit weitem Abstand die häufigste Rattenart in Deutschland. Schätzungen zufolge entfallen mehr als 95 Prozent aller Rattenbeobachtungen in Mitteleuropa auf diese Art.
Aussehen
Wanderratten sind gedrungen gebaut und relativ schwer. Der Körper misst ausgewachsen 20–25 cm, der Schwanz ist etwas kürzer als der Körper. Das Fell ist auf der Oberseite graubraun bis bräunlich, der Bauch heller grau oder weißlich. Die Ohren sind klein und rundlich, anliegend am Kopf, und die Schnauze ist stumpf und breit. Insgesamt wirkt die Wanderratte kompakt und kräftig.
Lebensweise und Vorkommen
Wanderratten sind ausgesprochene Bodenbewohner. Sie graben Erdhöhlen und bevorzugen den Aufenthalt in der Kanalisation, unter Bodenplatten, in Erdbauten am Flussufer und in Kellern. Sie sind ausgezeichnete Schwimmer und können durch Abwasserrohre und Kanäle in Gebäude eindringen. Klettern ist nicht ihre Stärke — sie halten sich bevorzugt in Bodennähe auf. In Deutschland sind Wanderratten ganzjährig aktiv, besonders aber im Herbst und Winter, wenn sie Schutz und Nahrung in der Nähe menschlicher Siedlungen suchen.
Die Hausratte — Selten, aber anspruchsvoll
Die Hausratte war in Mitteleuropa bis ins 18. Jahrhundert die dominierende Rattenart. Mit der Ausbreitung der Wanderratte wurde sie weitgehend verdrängt und ist heute in Deutschland vergleichsweise selten — in Häfen, bestimmten Küstenregionen und wärmeren Gebieten tritt sie jedoch noch regelmäßig auf.
Aussehen
Die Hausratte ist schlanker und leichter als die Wanderratte. Der Körper ist 16–22 cm lang, wirkt aber zierlicher. Das auffälligste Merkmal: Der Schwanz ist länger als der Körper. Das Fell ist meist schwarz bis dunkelgrau, kann aber auch braun sein. Die Ohren sind groß und auffällig, abstehend vom Kopf. Die Schnauze ist spitzer. Insgesamt macht die Hausratte einen agileren, schlankeren Eindruck als die Wanderratte.
Lebensweise und Vorkommen
Im Gegensatz zur Wanderratte ist die Hausratte ein ausgezeichneter Kletterer. Sie bevorzugt höher gelegene Aufenthaltsorte — Dachböden, Zwischendecken, Mauerspalten und Hohlräume in Außenwänden. In der Kanalisation ist sie kaum zu finden. Hausratten sind wärmeliebend und bevorzugen trockene, warme Umgebungen.
Links: Wanderratte (gedrungen, kurze Ohren, kürzerer Schwanz). Rechts: Hausratte (schlank, große Ohren, langer Schwanz).
Verhaltensunterschiede — Was die Bekämpfung beeinflusst
Das Verhalten beider Arten unterscheidet sich in einem für die Bekämpfung entscheidenden Punkt: der Neugier gegenüber Neuem.
Neophobie der Wanderratte
Wanderratten sind extrem neophob — das bedeutet, sie misstrauen neuen Objekten in ihrer Umgebung zutiefst. Ein frisch aufgestellter Köderkasten oder eine neue Falle wird oft tagelang ignoriert, bis die Tiere ihn als sicher einstufen. Professionelle Köderboxen werden deshalb zunächst ohne Gift aufgestellt und erst nach einigen Tagen aktiviert. Dieser "Pre-Baiting"-Ansatz erhöht die Akzeptanzrate erheblich.
Agilität der Hausratte
Die Hausratte ist weniger neophob, dafür aber wendiger und kletterfreudiger. Köder und Fallen müssen bei der Hausratte deutlich höher platziert werden — auf Dachböden, an Rohrleitungen oder in Hohlraumdecken. Bodennähe Köderboxen, wie sie für Wanderratten eingesetzt werden, verfehlen bei Hausratten oft ihren Zweck.
Auch die Eintrittspunkte unterscheiden sich: Während Wanderratten vor allem durch bodennahe Öffnungen, Kanalzugänge und Bodenspalten eindringen, gelangt die Hausratte über Dachübergänge, Fassadenrisse, Lüftungsöffnungen und Hohlräume in Außenwänden ins Gebäude.
Zertifizierte Köderboxen werden entlang bekannter Laufwege der Ratten platziert — die Position richtet sich nach der Art.
Gemeinsamkeiten — Gleichgefährlich trotz Unterschieden
So verschieden Wander- und Hausratte sind — in einem Punkt gleichen sie sich vollkommen: Beide sind ernstzunehmende Schädlinge, die nicht unterschätzt werden sollten.
Beide Rattenarten nagen außerdem an elektrischen Leitungen, Wasserrohren und Baustoffen — mit potenziell katastrophalen Folgen. Angenagelte Kabel sind eine häufige, aber oft übersehene Brandursache. In Deutschland werden jährlich mehrere tausend Wohnungsbrände auf Nagetierbefall zurückgeführt.
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